Weine zum Leben

Ein Besuch beim Weingut Scheller, Stammheim

Stammheim ist ein kleiner Ort in der Nähe von Volkach, mitten in Weinfranken. Die knapp 900 Einwohner haben ein erstaunlich reges Vereinsleben. So gibt es beispielsweise auch einen „Krawattenclub Stammheim“. Und Clubberern ist Stammheim durch den Spieler Reiner Wirsching bekannt, der für den 1. FC Nürnberg in der Bundesliga spielte.

Tatsächlich leben viele der Einheimischen vom Weinbau, denn Stammheim ist die größte Winzergemeinde im Landkreis Schweinfurt. Den Weinbau gibt es dort eigentlich „schon immer“, was wohl heißt, seit der Römerzeit. Die Lage am Main ist ja auch ideal, wie man an der wunderschönen Aussicht erkennen kann.

Läuft man durch die Weinberge, so fällt einem schon von weiten eine beeindruckende Konstruktion auf. Mitten im „Eselsberg” steht der größte Bocksbeutel der Welt. Die Winzerfamilie Scheller hat dort ein Wahrzeichen geschaffen, das nicht nur Wahrzeichen, sondern auch ein schöner Aussichts- und Ruhepunkt ist. Gerne nimmt man seine Brotzeit und die hervorragenden Weine vom Weingut Scheller mit und lässt es sich gut gehen.

 

Womit wir beim Wein wären. Freundlich und offen kommt mir Michael Scheller entgegen und begrüßt mich, als würden wir uns schon ewig kennen. Und genauso geradlinig und offen ist der Wein. Ansprechend, aber ohne Ansprüche zu stellen, die Schoppenweine. Sehr saubere, sortentypische und gut trinkbare Weine, von denen man immer noch ein Schlückchen mehr trinken möchte. Fruchtig und mitreißend der Bacchus, erstaunlich frisch und angenehm der Müller-Thurgau, mit schönen Citrustönen; sanft der typische Muschelkalk-Silvaner, der ein Wein zum Verweilen ist. Bei dem bleibt man dann hängen und möchte eigentlich gar nicht mehr wechseln.

Aber ich war ja nicht zum Vergnügen dort und machte mich daran, den Rest des Sortiments zu erkunden.

Eine Sammlung von, wie ich sie gerne nenne, „Terrassenweinen“, also schönen, trinkbaren Sommerweinen in Weiß („Goldesel“), Rosé (Rotling) und ein Cuvée in Rot bilden den Auftakt des beindruckenden Portefeuilles. Nicht im Bocksbeutel abgefüllt – auf eine junge Zielgruppe ausgerichtet. Dazu passend ein Perlwein: „Secco Pfiffikus“.

Mit den ersten Bocksbeutelweinen betreten wir nun die Klassiker: Silvaner, Bacchus, Kerner (Spätlese), Domina und Domina Barrique. Das sind Weine, wie sie sein sollen! Weine, die leben, die die Kraft und Lebendigkeit des Weinbergs spüren lassen. Dabei wirken sie niemals elitär, sondern wollen auch nicht mehr sein, als sie sind: Weine zum Trinken, Weine zum Essen, Weine zum Leben.

Dabei sticht besonders der Silvaner „Alte Reben” heraus. Mit jedem Schlückchen erschließen sich neue Facetten. Doch nicht plakativ drängt sich der Eindruck auf, nein, sehr subtil, quasi nebenbei merkt man die feinen Fruchtnoten – war da nicht ein Hauch von Himbeere?

Dämmerschoppen.

Einer der schönsten Weine ist die Domina aus dem Barriquefass. Barrique nennt man die kleinen, selten benutzten Holzfässer mit nur 225l Fassungsvermögen. Die Holztöne – Spessarteiche – und der Kontakt mit der Luft durch die Poren des Holzes verleihen den Weinen eine zusätzliche Tiefe und Reife.

Und mit diesem Wein im Glas schreibe ich diesen Text.

Ganz zum Schluss kam ein weiteres Highlight auf den Tisch: die Rieslaner Beerenauslese. Bei einer Beerenauslese werden nur vollreife und überreife Beeren ausgewählt und aus diesen der Wein gekeltert. Hier steht der Wein strahlend im Glas; hocharomatische Fruchtnoten verbinden sich köstlich mit der Süße der vollreifen, aber nicht überreifen Trauben. Ich könnte mir zu einem Himbeerkuchen und Kaffee hervorragend ein Gläschen dieser Beerenauslese vorstellen.

Alles in allem: wir werden öfter voneinander hören.